Gebärdensprachverarbeitung

Neuronale Grundlagen der Gebärdensprachverarbeitung

von Dr. Juliane Klann

Inhalt

In den Projekten zu ‚Neuronalen Grundlagen der Gebärdensprachverarbeitung’ wird die Repräsentation von Gebärden im Gehirn mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanz-Tomographie (fMRT) untersucht. Die Methode der fMRT ermöglicht es, mittels eines künstlichen Magnetfeldes - ohne die Verwendung radioaktiver Substanzen- Veränderungen im regionalen cerebralen Blutfluss zu messen und bildlich darstellbar zu machen.


Abbildung 1

Wie Abbildung 1 zeigt, konnte so eine weitgehend parallele Verarbeitung von Einzelgebärden und Wörtern in den aus der Lautsprachforschung gut gesicherten Netzwerken der linken Hemisphäre aufgedeckt werden. Spezifisch für gehörlose Probanden ist eine zusätzliche Aktivierung prämotorischer Kortex-Areale beim Verstehen von Gebärden.

Die Rekrutierung dieser Areale wurde bisher als typisch für die Gebärdensprachproduktion beschrieben. Damit weisen die Ergebnisse unserer Studien darauf hin, dass gehörlose Gebärdensprachanwender bei der Rezeption von Gebärden innerlich mitgebärden. Ein weiteres Ergebnis dieser Studie weist auf die Plastizität des menschlichen Kortex hin. Bei den gehörlosen Probanden konnte die Aktivierung von Arealen des primären Hörkortex beim Verstehen einzelner Gebärden gefunden werden. Diese Areale werden bei hörenden Probanden zur primären Verarbeitung von Lauten und Geräuschen rekrutiert. Bei Gehörlosen, bei denen auditiver Input nicht verarbeitet werden kann, scheinen diese Regionen stattdessen in die Verarbeitung sprachsystematischer Parameter involviert zu sein.


Abbildung 2

Eine weitere fMRT-Untersuchung zeigte, dass ikonische Gebärden genau wie Wörter und nicht-ikonische Gebärden im sprachlichen Netzwerk des linken Schläfenlappens verarbeitet werden (vgl. Abbildung 2). Dies untermauert die sprachliche Natur  ikonischer Gebärden, die bis heute noch teilweise als pantomimisch aufgefasst werden.

Neben der cerebralen Repräsentation gebärdensprachlicher Funktionen wird zurzeit untersucht, wo und wie die Integration einer Gebärde in den inhaltlichen Kontext z.B. eines Gebärdensatzes integriert wird. Dies kann mit der Methode der Ableitung ereigniskorrelierter Potentiale (EKP) gemessen werden. Dabei wird die elektrische Aktivität corticaler Areale mittels des Elektroencephalogramms (EEG) an der Kopfoberfläche erfasst und in eine zeitliche Beziehung zur Gabe eines Sprachreizes gesetzt. So konnte man für die Lautsprache z.B. ermitteln, dass die inhaltliche Integration eines Wortes in einen Satzkontext ca. 400 ms nach dem Hören des betreffenden Wortes stattzufinden scheint. Dies wird in unserem derzeitigen Projekt auch für die Gebärdensprache untersucht.

Dauer

2000 – 2006

Förderung

Interdisziplinäres Zentrum für Klinische Forschung, IZKF "BIOMAT.", Schwerpunkt "Zentrales Nervensystem" (IZKF "ZNS")

Veröffentlichungen

  • Klann J (im Druck): Psycholinguistik und Neurolinguistik: Verarbeitung und Repräsentation von Gebärdensprache im Gehirn. In: J Heßman, H Eichmann, M Hansen. Handbuch der Deutschen Gebärdensprache. Signum-Verlag.
  • Klann J, Domahs F (2006): Gebärdensprachforschung am Universitätsklinikum Aachen. Patholink 2006.
  • Klann J, Kastrau F, & Huber W (2005). Lexical decision with no iconicity effect in German Sign Language: An fMRI-study. Brain and Language 95: 167-169.
  • Klann J, Lintz-Kuhl S, Norra C, Kawohl W, Huber W (2005): Semantic Integration in Deaf Signers and Hearing Nonsigners: An ERP-Study. Clinical EEG and Neuroscience 36 (3): 247-248.
  • Huber W, Klann J (2005): Zerebrale Repräsentation der Gebärdensprache. In: H Leuninger & D. Happ (Hrsg.): Gebärdensprachen: Struktur, Erwerb, Verwendung. Gebärdensprachen: Struktur, Erwerb, Verwendung; Sonderband 13 "Linguistische Berichte"; Helmut Buske Verlag: 359-364.
  • Klann J, Kastrau F, Huber W (2004): The processing of iconicity in German Sign Language: an fMRI-study. NeuroImage 22 (1); available on CDR.
  • Klann J, Kastrau F, Huber W (2004): Perception of verbal versus nonverbal movements of hands and arms in deaf signers and hearing non-signers: an fMRI-study. NeuroImage 22(1); available on CDR.
  • Klann J, Kastrau F, Huber W (2003): Supramodale versus modalitätspezifische zerebrale Repräsentation sprachlicher Funktionen: Eine fMRT-Studie zur Verarbeitung bildhafter Gebärdenzeichen. Tagungsband Neuro-Visionen - Perspektiven in NRWF. Schöningh: 120.
  • Klann J, Huber W (2003): Die Funktionale Anatomie des mentalen Lexikons in Laut- und Gebärdensprache. Jahresbericht 2003 für die Interdisziplinären Foren der RWTH:
  • Klann J, Kastrau F, Huber W (2003): Supramodale versus modalitätspezifische zerebrale Repräsentation sprachlicher Funktionen: Eine fMRT-Studie zur Verarbeitung bildhafter Gebärdenzeichen. Tagungsband Neuro-Visionen - Perspektiven in NRW. Schöningh: 120.
  • Klann J, Kastrau F, Kemény S, Huber W (2002): The Neuropsychology of signed and written language: an fMRI-study. Cortex 38: 874-877.
  • Klann J. (2001): Agrammatismus im Deutschen -- eine linguistische Fallstudie. Arbeitspapiere Köln (N. F.), 39. Institut für Sprachwissenschaft, Universität zu Köln (Hrsg.).
  • Klann J, Kastrau F, Kemény St, Huber W (2001): Sign Language Aphasia, Sign Language Processing and Hemispheric Dominance. Stem-,Spraak- en Taalpathologie 10 (4): 203-214.
  • Klann J, Kastrau F, Kemény St, Huber W (2001): Gebärdensprachforschung in den Neurowissenschaften:Ziele, Methoden und Ergebnisse. Sprache & Literatur 32 (2): 21-30.
  • Klann J, Kastrau F, Kemény St, Huber W (2001): Passive Perception of Signs and Words in Monolingual Hearing Versus Bilingual Deaf Subjects. NeuroImage 13: 551.
  • Klann J, Kemény St., Sieprath H, Werth I, Huber W (2000): Gebärdensprache: eine Herausforderung für die Hirnforschung. audioLOGISCH (22): 9-15.
ImpressumDatenschutz und HaftungsausschlussWebmaster    © September 2004, letzte Aktualisierung: 13.11.2015